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Floristische Meisterprüfung: „So schön war die Zeit“

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20 FloristInnen legten Anfang September ihre Meisterprüfung an der Akademie für Naturgestaltung ab. Unter dem Titel „Hymnus“ waren florale Interpretationen populärer Songs aus den 1960er bis 1990er Jahren anzufertigen, die anschließend in den Räumen des Stifts Zwettl in Niederösterreich ausgestellt waren. Wir sprachen mit der frischgebackenen Floristmeisterin Jennifer Mühlbauer und Franz-Josef Wein, Leiter der Akademie für Naturgestaltung, über die musikalische Abschlussprüfung.

Wie kam es zur Themenwahl für die Abschlussprüfung?

Franz-Josef Wein: Die ganze Klasse war sehr gesangsfreudig. Es wurde schon im ersten Kursblock miteinander gesungen und die Klasse hat sogar eine eigene Hymne, die immer wieder gesungen wurde, besonders wenn man sich aus den einzelnen Kursblöcken voneinander verabschiedete. „So schön war die Zeit“ von Freddy Quinn war die Wahl der Klasse. Damit war für mich ein Hinweis gegeben, dass Musik generell und gesungene Texte für die Klasse eine Bedeutung hat.

Nach welchen Kriterien wurden die zu interpretierenden Musikstücke ausgewählt, und weshalb die Wahl des Zeitraums 60er bis 90er Jahre?

Franz-Josef Wein: „Hymnus“ war der Obertitel. Die Jahrzehnte zwischen den 60er und 90er Jahren brachten Songs mit starken Texten hervor, und natürlich braucht es auch eine bestimmte Zeitspanne, damit aus einem Song eine Hymne wird, die eine gewisse Allgemeingültigkeit hat. Bei der Auswahl ging es natürlich um eine Vielfalt, die Musik sollte überwiegend allgemein bekannt sein und der Text natürlich eine Botschaft vermitteln. Es ging genau um diese Botschaft, die sich an die positive Seite des Menschen wendet und dadurch etwas Positives bewirkt. Die Texte sollten zum Nachdenken anregen, auch wenn die Inhalte zeitweise nicht harmonisch waren. Musik hilft dann oft, sich auch dem Disharmonischen zu stellen.

Waren die Musikstücke frei wählbar, oder wurden sie für die Prüfung zugelost?

Jennifer Mühlbauer: Die Musikstücke wurden im dritten Kursblock im Februar/März in gemütlicher Atmosphäre zugelost.

Wie sind Sie an die florale Interpretation der einzelnen Songs herangegangen?

Jennifer Mühlbauer: Bevor Floralien ins Spiel kamen, haben wir uns alle intensiv mit dem musikalischen Hintergrund und den Interpreten unseres Songs, mit der Tonart für die Farbe der Blumen, der Farb- und Blumensymbolik, Religionen, verschiedenen Materialien und Techniken, Proportionen, den Urgrundformen des menschlichen Gestaltens und mit Kontrasten beschäftigt. Um unsere Ideen realisieren zu können, mussten wir unsere Fähigkeiten in den unterschiedlichsten Handwerken unter Beweis stellen, um am Ende floristische Meisterwerke präsentieren zu können.

Bei der Ziehung meines Songs „We Are the World“ hat es mich emotional überrannt. Mit der weiteren Recherche wusste ich dann auch wieso: ein Welthit so optimistisch harmonisch gesungen, mit einem dermaßen traurigen Hintergrund, basierend auf einer Hungerkatastrophe und diplomatischen Unruhen. Schon früh war mir klar: ein Lied das für die Welt gesungen ist, darf alle pflanzlichen Materialien aus unterschiedlicher Herkunft in unterschiedlichen Blühstadien vereinen, sodass ein deutlicher Unterschied zwischen der reichen und der armen Bevölkerung floral zu erkennen ist.

Welche Vorgaben hatten Sie bei der Prüfung?

Jennifer Mühlbauer: Ein musikalischer Hymnus sollte floral interpretiert werden. Jede Art der Gestaltung und jede Technik, außer Bepflanzung, war möglich. Die Gestaltung sollte auf einem Podest, wahlweise quadratisch, rechteckig oder rund präsentiert werden. Einzelne pflanzliche Bewegungen durften das Maß überschreiten. Es konnte die zur Verfügung stehende Raumhöhe genutzt werden. Das Podest konnte, musste aber nicht floral gestaltet sein. Die Gestaltung durfte aus einem oder mehreren Werkstücken bestehen. Wir konnten das Werkstück zwar teilweise vorbereiten, die Fertigstellung in einer Zeit von 120 Minuten musste allerdings in der Prüfungszeit erfolgen.

Was war rückblickend besonders herausfordernd an der Prüfungsaufgabe?

Jennifer Mühlbauer: Man musste sich voll und ganz auf das Thema einlassen, in manchen Dingen auch lernen loszulassen, um Anderes einfügen zu können, quasi Umwege zulassen. Das Gelernte anwenden, aber auch den Kopf in manchen Situationen ausschalten können. An seine Grenze zu kommen und darüber hinaus zu wachsen. Ja, es gab Höhen und Tiefen – gerade um die richtigen Techniken auszuwählen, damit das Material auch seinem Wert entsprechend eingesetzt wird und nicht an Aussagekraft verliert. Wenn man dachte, jetzt passt es, dann kam der Gedanke, da fehlt noch etwas. Ich glaube, das Herausfordernde an der Prüfungsaufgabe war man selber.

Was hat Ihnen besonders viel Spaß gemacht?

Jennifer Mühlbauer: Durch Franz-Josef Wein (Leiter der Akademie für Naturgestaltung) und Gregor Hartmann (gestalterische Unterstützung) wurde das Stift Zwettl zu einem Ort des gemeinsamen Lernens, Entdeckens und Entwickelns. Jeder durfte auf seine Art und Weise seinen Weg zum Meister gehen. Es hat Spaß gemacht, das gelernte Wissen aus vier Kursblöcken, darunter die Fächer Stilkunde, Farbenlehre und Gestaltung zu vereinen, und letztlich gestalterisch in allen floralen Meisterstücken ausdrücken zu können. Spaß durfte in vieler Hinsicht nicht fehlen. Dazu gehörte natürlich auch das gemeinsame Feiern und die rauchenden Köpfe. Wir waren 20 FloristInnen aus Österreich, der Schweiz, Ungarn und Deutschland, die zusammen getanzt, gelacht und gelernt haben. Die Entwicklung, die man dabei macht, kann ich nicht in Worten ausdrücken. Dies muss jeder selber erleben in unserer Branche. So schön war die Zeit.

Wie war die Resonanz auf die Ausstellung der Prüfungswerkstücke?

Franz-Josef Wein: Die Resonanz auf die gesamte Ausstellung war mehr als positiv! Sowohl das Fach- als auch das allgemeine Publikum war begeistert. Die Besucher spüren sehr deutlich, dass es eine extreme gestalterische und inhaltliche Auseinandersetzung mit der Floristik gibt. Damit werden Gestaltungen berührend und das ist ganz klar das erklärte Ziel von uns. Die Gestaltungen sollen nicht nur rein dekorativ zu betrachten sein, sondern auch eine Botschaft vermitteln. Diese Botschaft kann durch die sorgfältige Farbauswahl stattfinden, aber auch die Auseinandersetzung mit den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit sind für uns wesentlich.

Dann gibt es natürlich die häufig eigene Themensetzung der Gestalter, die etwas mit der individuellen Entwicklung oder deren Vorlieben zu tun hat. All das wird im Unterricht gefördert und soll sich in der Prüfung zeigen. Schließlich sprechen gerade die Themenarbeiten des sechsten Werkstückes das Publikum ganz besonders an. Bei den Führungen durch die Themenarbeiten ist das Publikum extrem interessiert und fast alle sind der Meinung, dass sich durch die Erklärungen der Inhalte die Wahrnehmung für das Werkstück verändert. Die Ausstellung ist unsere Möglichkeit, Floristik einem breiten Publikum vorzustellen und damit den ganzen Berufsstand zu bewerben.

Wo sehen Sie generell die Verbindung von Floristik und Musik?

Jennifer Mühlbauer: Es sind beides Handwerke, die dazu bestimmt sind, zwischenmenschliche Kommunikation wie Gefühle, Wünsche, Bitten oder Beschwerden auszudrücken und zu vermitteln. In der Musik ist es der Text und die Klangart. In der Floristik drücken wir die Emotionen durch die Farbe und Symbolik der Floralien aus. Ich möchte soweit gehen und sagen, dass man einen Teil von sich in seiner Gestaltung preisgibt. Denn egal ob musikalisch oder floral, es ist immer ein Teil des Gestalters im Werkstück zu sehen oder zu hören. Jeder hat seine eigene Handschrift und legt ein Stück von sich in die Gestaltung hinein.

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